Trend und Therapie: Die Kraft der Maschen | Nachrichten aus Gelsenkirchen, der Heimat von Schalke 04

Feldmark.   Gut ein Dutzend älterer Damen des Senioren-und Pflegeheims Schmidtmannstraße frönt dem Häkeln und Stricken. Was die Handarbeit bewirkt.

Handarbeit ist seit längerem schwer in Mode. Nicht nur, seitdem prominente Frauen wie Moderatorin und Autorin Sarah Kuttner zu Stricknadeln greifen. Das Schneidern in Gemeinschaft entspannt und führt Häkelnde und Strickende zusammen. Psychologen sehen im Stricken deshalb das neue Yoga. Stricken ist aber nicht nur Balsam für die Seele: Es ist auch Training fürs Gehirn. Neben manueller Koordinationsfähigkeit sind die Talente eines Managers gefordert: gestalterische Ideen und schnelle Problemlösungen.

Beispiel gefällig? Bitte sehr: „1 Randm., 3 M. re., * 3 M. auf einer Hilfsnadel vor die Arbeit legen, 3 M. re., die M. der Hilfsnadel re., ab * fortlf. wiederholen. Die Reihe endet mit 3 M. re., 1 Randm.“ Alles klar? Nicht, dann ein kleiner Tipp: M steht für „Masche“. Man sieht also: Schon beim Befolgen von unter Laien und Anfängern als schier undurchdringlich geltenden Strickanleitungen kommt es auf Vorstellungskraft und Logik an.

Mit 95 Jahren das Stricken wiederentdeckt

Margarete Wiemer lächelt beim Anblick der Kürzel nur gelassen. Sie liest aus den vermeintlichen Hieroglyphen wie aus einem offenen Buch – und das mit stolzen 95 Jahren! „Wie Stricken geht, hatte ich eigentlich vergessen“, sagt die Seniorin und lässt dabei Nadeln und Wolle geschickt durch die Hände gleiten. Jetzt ist die Erinnerung wieder wach. Um nicht zu sagen: hellwach. „Ich arbeite gerade an einer Babygarnitur“, erzählt sie und deutet auf das flauschige Etwas zwischen ihren Fingern. Prompt unterbricht die Dame ihre Arbeit, schnappt sich ihren Rollator und stellt sich vor den großen Tisch in Model-Pose. An ihm knüpfen gerade zehn betagte Frauen ebenso eifrig ihre Maschen: „Chic, nicht wahr“, fragt die 95-Jährige keck und strahlt.

Margarete Wiemer trägt eine lange beige Strickweste mit echt kompliziertem Maschenmuster. „Selbstgemacht“, erzählt sie stolz, gut drei Monate habe sie dafür gebraucht. Schwupps, kramt sie auch schon im Körbchen ihrer Gehhilfe herum und präsentiert das nächste gute Stück, dieses Mal einen roten Poncho. „Herrlich warm und weich. Zwei Wochen Arbeit.“ Die 95-jährige Margarete Wiemer ist die älteste von zwölf bis 15 Strickladys im städtischen Senioren- und Pflegeheim an der Schmidtmannstraße in der Feldmark. Dienstags sitzen sie immer im Foyer zusammen, auf den Tischen vor ihnen türmen sich bunte Wollknäuel sowie allerlei dünne und dicke Häkel- und Stricknadeln. Die Damen reden angeregt über ihre neusten Entwürfe, aufwendige Schnittmuster und den nötigen Maschenanschlag. Und natürlich auch – über Gott und die Welt.

Training und Treff in einem

„Wir wollen Freude bereiten, den Austausch untereinander anregen und die Konzentration fördern. Die Menschen sollen nicht auf den Tod warten, sondern mit Freude leben im Alter“, erklärt Hausleiterin Kathrein Dworzak die Idee dahinter. Dazu kommt, wie eingangs erwähnt, ein therapeutischer Ansatz. „Stricken und Häkeln trainiert die Kleinmotorik“, sagt Elisabeth Flisinski, Gerontosozialtherapeutin. Und ganz nebenbei auch die „grauen Zellen“, denn die vielen verschiedenen Handwerkstechniken erfordern viel Konzentration – das gilt selbstverständlich nicht nur für die Generation 60 plus.

Gegründet wurde die muntere Strickrunde nach einer Wollspende durch Petra Mashöfer, die Kontakt zum Seniorenheim hatte. Gefragt, ob sie nicht Lust hätte, die Gruppe zu betreuen, gab es für sie „kein Zögern“. Auch nicht für Ulrike Grzella, die hier ihre Tante regelmäßig besucht. Für die ehrenamtlichen Helferinnen ist das eine „erfüllende Aufgabe, eine Herzensangelegenheit“, die mit einem dankbaren Lächeln belohnt wird.

Freude empfindet auch Anna Rump, ehemals als Schneiderin tätig. Ihr Wissen um Technik und Schnitte teilt die 92-Jährige bereitwillig mit den anderen. Gern auch mit Neulingen aus der umliegenden Nachbarschaft, wenn sie denn mögen – ob Kinder, Anwohner – ganz gleich. Strickweste, Mütze und Schal für ihre Urenkelin Lara“ (6 Monate) formt sie aktuell in Wollmaschen.

Verkauf auf dem Weihnachtsbasar

Darüber hinaus mit den anderen Frauen des Strickclübchens Mützen, Taschen, Etuis, Handschuhe, Westen, Pullis oder Schals, die durch den Verkauf im Basar des Seniorenheims zigfach als Geschenk unter dem Tannenbaum landen. Und hier schließt sich der Kreis. Bei der Freude über das anschmiegsame Ergebnis – Stricken und Häkeln sind für sie und viele andere mehr als nur eine „coole“ Masche.

Kontakt zum Seniorenheim und zum Strick- und Häkelclub über Kathrein Dworzak unter der Rufnummer 0209 40 91 229, oder per Mail an dworzak@pflegeheime-gelsenkirchen.de

>> Moderne Heimstatt für 104 Menschen

Das Senioren- und Pflegeheim an der Schmidtmannstraße bietet 104 alten und pflegebedürftigen Menschen ein Zuhause – sowohl mit Einzel- als auch mit Doppelzimmern.

Das Heim verfügt über vier Häuser. Die Einrichtung wurde zwischen 2010 und 2013 größtenteils kernsaniert. Ein großer barrierefreier (Sinnes-)Garten befindet sich im Hof.

Quelle:

www.waz.de

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