Hauptsache, die Nähmaschine rattert | Südwest Presse Online

Er kennt sie alle: Pfaff, Singer, Adler, Bernina, Husqvarna oder Elna. Die ganz alten aus dem 18. Jahrhundert mit Fußbetrieb genauso, wie die neuen mit Elektromotor. Reinhold Kraft gilt in Dietenheim als der Nähmaschinen-Experte schlechthin. „Sie sind mein Leben, schon immer“, sagt er. Die erste nahm er als Bub mit gerade mal acht Jahren auseinander. Weil der Junge flugs alle Einzelteile der Singer wieder richtig zusammenbauen konnte, verzichtete der Papa auf die angedrohten, schmerzhaften Schläge mit dem Lederriemen. Denn die Nähmaschine sicherte das Einkommen für die Familie des Sattlers, damals in den 1930er Jahren im bitterarmen Russland.

Werkstatt im Keller

„Es ist mein Hobby. Ich verlange dafür nichts“, versichert Kraft beim Stichwort Einkommen. Von überall her aus der Umgebung kommen Leute zu ihm, kaputte Maschinen im Gepäck. Auch mit 91 Jahren mag Kraft keinen Bittsteller ablehnen. „Ich freue mich ja, dass die Leute nicht sofort alles wegwerfen“, sagt er. Wäre das der Fall, so würde dieser hochwertige Müll ziemlich sicher wieder bei ihm landen, zumindest jener aus Dietenheim. Denn der rüstige Rentner ist Stammgast auf dem städtischen Wertstoffhof. Jeden Mittwoch und Samstag kommt er mit seinem Dreirad angefahren. Immer bereit für einen freundlichen Plausch und immer auf der Suche nach alten Nähmaschinen samt Zubehör. „Er ist stets der Erste, der am Tor steht. Wenn er mal nicht kommt, machen wir uns Sorgen“, erzählt Michael Strohmayer. Keine Frage, dass das Team vom Wertstoffhof alles zurücklegt, was dem talentierten Bastler bei seinem Hobby nützen könnte.

Im Keller seiner kleinen Senioren-Wohnung hat sich Kraft sein Reich eingerichtet. Dort stapeln sich die defekten Geräte. Eines nach dem anderen nimmt sich Kraft vor. Bei der einen Maschine klemmt das Spulrad, bei der anderen stimmt die Fadenspannung nicht, die dritte hat Probleme mit dem Ringgreifer. „Meistens fädeln die Leute falsch ein“, weiß der Nähmaschinen-Doktor. Kraft kennt das Innenleben sämtlicher Modelle aus dem Eff-Eff und die Macken derselben auch. Er hat sich spezielles Werkzeug angefertigt, um Muttern und Schräubchen, Greifer und Schiffchen besser fassen zu können. Hat ihn der Ehrgeiz erst gepackt hat, kann er viele Stunden über einer defekten Maschine hocken. Dann schimpft seine Frau Amalie mit ihm, denn das Licht in der dunklen Keller-Ecke ist nicht das beste. „Der macht seine Augen bloß noch mehr kaputt!“ Doch gegen diese Leidenschaft kommt die Ehegattin nicht an. „Ich bin jeden Tag in meiner Werkstatt“, sagt Kraft. Nur sonntags ist Pause.

Der „Mechanisator“

Als die Universität Ulm vor einem Jahr in Dietenheim ein Nähcafé eröffnete, ging Kraft das Herz auf. Freudig stellte er sich bei den zuständigen Damen vor und stattete die Einrichtung gleich mit zwei guten Nähmaschinen aus. Mittlerweile sind es zehn, und Kraft ist regelmäßiger Gast. „Wann immer wir Probleme haben, kommt er und hilft“, schwärmt Uni-Mitarbeiterin Anja Hirscher. „Man kann sich 100-prozentig auf ihn verlassen.“ Das antike Ölkännchen und das Uralt-Maßband aus der Kraft’schen Werkstatt haben im Stoff-Regal einen Ehrenplatz erhalten.

Krafts Dienste nahm auch schon der frühere evangelische Pfarrer Paul Varga in Anspruch. Auf seinen Fahrten nach Rumänien hatte er oft Nähmaschinen im Gepäck. Auch Hilfskonvois nach Sibirien, Weißrussland und in die Ukraine stattet Kraft immer wieder mit Maschinen aus. Nähmaschinen sind seine Leidenschaft, doch kennt sich Kraft auch mit Bohr- und Schleifgeräten, mit Bagger, Bulldog und Baukran aus. Bevor er 1991 als Aussiedler nach Dietenheim kam, schuftete er drei Jahrzehnte lang als „Mechanisator“ in Usbekistan. Alles konnte der Mann fahren – und reparieren. Dienste, die nach dem verheerenden Erdbeben von Taschkent 1966 besonders gefragt waren.

Eine Ausbildung konnte Kraft nie machen. Das bedauert er bis heute. „Alles, was ich weiß, habe ich mir im Selbststudium angeeignet“, erzählt er. Schweren Herzens versetzte der Vater irgendwann die geliebte Nähmaschine, damit etwas zu essen auf den Tisch kam. Und für den kleinen Reinhold Kraft begann mit elf Jahren die Schufterei in der Kolchose. Dabei wäre der Bub doch so gerne Schneider geworden.

Quelle:

www.swp.de

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