Mönchengladbach: Schere, Stoff, Papier

Irene Ebenhöh zupft ihr Bolerojäckchen zurecht. Ein prüfender Blick über die Schulter, die Fäden noch lose, der Ausgang noch offen. Die 87-Jährige ist an diesem Morgen aufgewacht mit einer Vision: Heute mach ich’s, heute mach ich’s einfach selbst – wo war noch der Zeitungssauschnitt mit der Nummer von dem Nähkurs? Stoff kaufen, und hier ist sie nun und begutachtet ihr Werk aus weißem Satin. Gar nicht so schlecht, aber noch nicht am Ziel.

Die Nähmaschinen rattern, die Blicke fokussieren die Nadeln – Sommernähkurs in der Familienbildungsstätte an der Odenkirchener Straße. Ulrike Larghi arbeitet an einem luftigen Oberteil in lindgrün. Eine Farbe, die gerade nicht sehr angesagt sei, sagt die 63-Jährige: „Also nähe ich mir das einfach selbst.“

Die Frauen sind mit unterschiedlichen Motiven in den sechsstündigen Kurs gekommen. Sechs Stunden – eine lange Zeit, aber das sei gerade lange genug, sagt Kursleiterin Hanne Hensen. „Man braucht Zeit zum Nähen.“ Einen Blazer schaffe man in sechs Stunden aber nicht. Der Klassiker sei eine Herausforderung. Aber es geht ja auch schneller – und mit weniger Stoff.

Für Irene Ebenhöh steht eine Hochzeit an – ihre Enkelin traut sich. „Ich habe in der Stadt nach Boleros gesucht, aber die kosten ja alle so um die 80 Euro“, sagt die 87-Jährige. Selbermachen ist die gelernte Friseurin gewohnt. „Ich habe vier Kinder. Früher habe ich viel selbst genäht“, erzählt die Rheydterin. Der Rat ihrer Mutter, bevor es für sie vor den Traualtar ging: „Kauf‘ dir ne Nähmaschine, das ist das A und O, das brauchst du dein Leben lang“. „Und das sollte man auch jungen Frauen heute wieder sagen“, findet Irene Ebenhöh. Hat sie auch getan. Ihrer Enkelin zum Beispiel. Am Textilstandort Mönchengladbach ist der großmütterliche Rat natürlich leicht umzusetzen: „Meine Enkelin hat Textiltechnik studiert.“

Hanne Hensen leitet den Kurs im Anna-Ladener-Haus bereits seit 25 Jahren. Nähen liege wieder im Trend, stellt die Kursleiterin fest. Die Nähkurse seien immer gut besucht. 38,40 Euro kostet der sechsstündige Nähkurs in den Sommerferien. Wer möchte, kann sich aber auch für mehrere Wochen anmelden: Fünf Kurse à drei Stunden kosten dann 48 Euro.

So hat es Ulrike Larghi gemacht: Den Sommerkurs hat sie sich zusätzlich gegönnt. „Ich fahre bald in den Urlaub und habe noch so viele Sachen, die ich machen möchte.“ An Ideen mangele es den Frauen nicht. Inspirationen gibt es etwa in Schnittmusterkatalogen, aber auch auf den holländischen Stoffmärkten, die regelmäßig auch in deutschen Städten ihre Stände aufstellen. Marga Esser hat dort den Stoff für ihr neuestes Modell entdeckt: ein luftiges Sommerkleid, grau-blau gepunktet.

Stoffe, Schnittmuster und Nähutensilien müssen die Teilnehmer selbst mitbringen. Im Raum im Anna-Ladener-Haus gibt es Nähmaschinen, wer mag, kann aber auch die eigene mitbringen. Die Kursleiterinnen unterstützen beim Zuschneiden, Abstecken und Anpassen. „Zuhause kommt man ja doch nicht dazu“, sagt Bettina Schmitz, die seit 20 Jahren zum Kurs kommt. Das Kleid, das sie heute trägt, hat sie vor zwei Wochen im Kurs fertig gestellt. „Man hat ja auch seinen eigenen Geschmack“, ergänzt Larghi.

Von der Stange kaufen die Frauen trotzdem noch. Auch wenn in ihren selbst genähten Stücken mehr Liebe steckt. Und das gute Gefühl, das, was im Kopf schwirrt, auch in Form gebracht zu haben.

Quelle: RP
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