Zelt wird Tasche | St.Galler Tagblatt

INNOVATIV ⋅ Zwei Bernerinnen stören sich an den Open-Air-Abfallbergen. In Frauenfeld retten sie 1000 weggeworfene Zelte und machen daraus praktische Beutel.
Donat Beerli

Donat Beerli

donat.beerli@thurgauerzeitung.ch[1]

Am Morgen nach der grossen Party wollen alle nur noch nach Hause. Mühevoll schleppen die Festivalbesucher ihre Körper und das, was sie nicht auf dem Gelände zurücklassen, Richtung Ausgang. Hier erhalten sie die 20 Franken Zelt-Depot und werfen die kaputten Zelte oder diejenigen, die sie nicht mehr wollen, in einen der drei gelben Container. Doch zuerst müssen sie an Chiara Cosi (42) vorbei. «Hast du ein kaputtes Zelt? Bitte hier auf den Haufen», sagt die Berner Lehrerin zur blonden Besucherin, die ihre müden Augen hinter der schwarzen Sonnenbrille versteckt. «Wir machen Taschen daraus.» «Mega gute Idee», antwortet die Blondine, übergibt ihr das Zelt und zottelt weiter Richtung Bushaltestelle.

1000 Zelte – so viele wollen Chiara Cosi und ihre Schwester Liliana bis Sonntagabend sammeln. Dafür sind die Bernerinnen mit einem 14-köpfigen Team aus Familie und Freunden angereist. Die Zelte werden auf Materialqualität untersucht, die Stangen vom Rest getrennt und der Stoff anschliessend in den mitgebrachten Pferdeanhänger geworfen. Damit geht’s zur Reinigung in eine Berner Stiftung, wo die Stoffe später in der hauseigenen Manufaktur zu Taschen genäht werden. «Praktische Beutel, die im Alltag Sinn machen, sollen es werden», sagt Cosi.

«Abfall ist nicht nur das Problem der Jungen»

Entstanden ist die Idee vor einiger Zeit. Chiara wollte unbedingt einen Aufbewahrungssack, in dem sie – ohne alles auszuschütten – auch das kleinste Legoteil der Kinder wiederfindet. Weil sie nichts Passendes fand, bat sie ihre Schwester Liliana, selber Textildesignerin, eine zu kreieren. Liliana entwarf, Chiara war begeistert – und die Idee reif für eine grössere Umsetzung. Das Schnittmuster bietet nun die Vorlage für die ersten 300 Taschen aus Frauenfelder Open-Air-Zelten, die sonst im Müll gelandet wären. Weil sie kaputt waren? «Nicht unbedingt», sagt Chiara Cosi. Sehr viele der Zelte seien in einwandfreiem Zustand.

Das Thema Abfall an Festivals macht die Cosis schon länger nachdenklich. Den jungen Besuchern die alleinige Schuld dafür geben wollen sie jedoch nicht. «Es ist kein Problem der Jungen, sondern der ganzen Gesellschaft», sagt Liliana Cosi. «Wir werfen alle viel zu viel weg.» Wegen der vielen Leute an einem Festival sei die Problematik einfach viel sichtbarer.

Am liebsten würden die Cosis auch den Rest der Zelte wiederverwenden: Aus Zeltstangen und dem wasserdichten Zeltboden Recycling-Behälter für den Privathaushalt herstellen und den restlichen Stoff zu Wäschesäcken machen. «Aber zuerst müssen wir schauen, wie die Taschen ankommen», sagt Chiara Cosi.

Für ihre Aktion haben die Cosis eine Bewilligung eingeholt. Einwände gab es keine. Das OK hätte ihnen ausserdem erlaubt, falls nötig, auf dem Areal weitere Zelte einzusammeln. Nötig war das gestern nicht. Als einige Besucher um 16 Uhr Richtung Ausgang schlendern, sind die Cosis bereits Richtung Bern unterwegs. Mit 1000 Zelten im Pferdeanhänger.

www.cosi-creation.ch[2]

Fußnoten:

  1. ^ donat.beerli@thurgauerzeitung.ch (www.tagblatt.ch)
  2. ^ www.cosi-creation.ch (www.cosi-creation.ch)
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