Mode – So gut wie alt – Stil

Jeanne de Kroon kauft Vintage-Stoffe in Afghanistan und Usbekistan, lässt sie zu neuen Kleidern umnähen – und bedient damit perfekt den Zeitgeist.

Von Silke Wichert

Erster Reflex: Bitte nicht noch ein Ex-Model, das ihr eigenes Label gründet und damit mal eben die Modewelt revolutionieren will. Ein bisschen gemodelt haben sie heute alle, entgegen landläufiger Meinung ersetzt häufiges An- und Ausziehen die Designausbildung aber nur in den seltensten Fällen.

Manchmal lohnt es sich trotzdem, erst mal die Klappe zu halten und die Geschichte bis zu Ende zu hören. Denn die leuchtend bunten Seidenkleider, die in einem Atelier in Berlin-Neukölln hängen, sind nicht deshalb etwas Besonderes, weil irgendein „Influencer“ damit schon mal ein Selbstbild gemacht hat oder weil das Ex-Model die Freundin von jemandem wäre, der sonst irgendwie Einfluss hat.

Die Kleider sind wie Souvenirs der Weitgereisten – oder gut Informierten

Die Sachen von Zazi Vintage sind vielmehr bemerkenswert, weil die gebürtige Niederländerin Jeanne de Kroon dafür ausschließlich Vintage-Materialen verwendet, um keine neuen Rohstoffe zu verbrauchen und nicht noch mehr Klamottenmüll zu produzieren. Statt gebrauchter Baumwollleibchen, wie sie auch H&M mittlerweile recycelt, kauft de Kroon traditionelle, hochwertige Stoffballen aus Usbekistan oder Afghanistan auf und lässt daraus in Zusammenarbeit mit einer Nichtregierungsorganisation im indischen Jodhpur ziemlich aktuell aussehende Kleider fertigen. Einfache Schnitte mit meist gebauschten Ärmeln, zu Preisen ab 250 Euro. „Wenn eine Näherin nur zwei Modelle im Monat abliefert, kann sie bereits ihren Lebensunterhalt bestreiten“, sagt de Kroon.

Zazi Vintage will also nachhaltig sein, gleichzeitig Entwicklungsarbeit leisten, und das alles bei einer Gründerin, die gerade 23 Jahre alt ist, eigentlich in Berlin Philosophie studiert und mit 500 Euro in der Tasche angefangen hat. Mittlerweile verkaufen sich die Sachen so gut, dass sie bereits davon leben könne, sagt de Kroon. Erst am Freitag hat sie ihre Kollektion im Vogue-Salon auf der Berlin Fashion Week präsentiert.

De Kroon spricht nicht nur eine wachsende Zielgruppe mit modischem Gewissen an. Der Ethno-Charakter der Sachen passt perfekt in den Zeitgeist. Vor zwei Jahren wurde die ukrainische Bauerntracht „Vyshyvanka“ der Designerin Vita Kin zum Überraschungshit des Sommers. Weil diese Kutte so leicht und luftig war, vor allem aber, weil man mit dem aufwendig bestickten Sackleinen zwischen all den generischen 19-Euro-99-Fummeln sofort herausstach. Die Kundinnen rissen sich darum, 1500 Euro für die rasch ausverkauften Stücke auf den Tisch zu legen. Auch Sofía Sanchez de Betak, Ex-Model und Ehefrau des bekannten Modenschauenproduzenten Alexandre de Betak, verkauft auf ihrem Blog solche „Souvenirs“, die sie in ihrer Heimat Argentinien oder ihrer Sommerresidenz Mallorca findet. Zuletzt ließ sie Kleider von einer spanischen Künstlerin bemalen. Einer der schönsten Pantoffeln dieses Sommers mit großer Stoffschleife kommt von Brother Vellies, einem Label, das Schuhe nach traditioneller afrikanischer Art fertigen lässt, unter nachhaltigen Bedingungen.

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Authentisch, originell, nachhaltig: Jeanne de Kroon in der indischen Fertigungsstätte ihrer Kleider.

(Foto: ZAZI VINTAGE, Stefan Dotter)

Alle diese Sachen sind authentisch, originell – und immer mit einer besonderen Geschichte verwoben. Wie ein kostbares Souvenir der Weitgereisten oder auch gut Informierten.

Das erste „Kapitel“, wie de Kroon ihre Kollektionen bei Zazi Vintage nennt, war ebenfalls mehr Mitbringsel als eigener Entwurf. Auf Reisen in Länder wie Nepal oder Indien, die sie mal privat, mal durch ihre Arbeit als Model[1] unternahm, war sie häufig in die traditionellen Gewänder der Einheimischen geschlüpft und so mit ihnen in Kontakt gekommen. Bei ihrem letzten Besuch in Indien hatte sie sich in das „Kuchi“-Dress verliebt, das in monatelanger Handarbeit über und über mit Stickereien und alten Münzen verzierte Hochzeitskleid eines afghanischen Nomadenvolkes. Viel kostbarer als all die Wegwerfkleidung, die, wie sie nun selbst sehen konnte, dort unter schlimmsten Bedingungen produziert wurde. De Kroon kaufte ein halbes Dutzend Kuchi-Kleider und bot sie vergangenes Jahr auf ihrer Facebookseite an. Mit großem Erfolg. Aber weil sie ihren „Sammlerinnen“, die die Teile für sie suchen und beschaffen, faire Preise zahlen wollte, merkte sie schnell, dass sie mit anderen Händlern im Westen auf Dauer nicht würde mithalten können. „Ich hatte eine große Idee – und überhaupt keine Ahnung“, erzählt die junge Frau. Nachhaltige Mode anzubieten, die niemanden ausbeutete, war schwieriger umzusetzen als gedacht.

Mittlerweile setzt sie vor allem auf die leuchtend gemusterten „Ikat“-Kleider, knöchel- oder knielange Gewänder aus usbekischer Seide, die sonst vor allem für Kaftane und Kissen verwendet wird. De Kroon kauft die Reste der großen Stoffballen von einer afghanischen Familie – deshalb sind fast alle Kleider Einzelstücke. Mit dem Pferd wird der Stoff nach Kabul transportiert und von dort nach Indien verschickt. Die einfachen Schnitte entwirft die junge Unternehmerin zusammen mit einem alten Schneider in Jodphur, „Master Ji“, der dann die Schnittmuster auf Zeitungspapier malt und junge Frauen im Dorf als Näherinnen anlernt. Die ersten zwanzig Kleider waren im Online-Shop innerhalb weniger Tage vergriffen. Zurzeit sind die meisten Teile ausverkauft. Manchmal dauert der Nachschub eben, etwa wenn Taliban die Grenze blockieren.

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(Foto: Stefan Dotter)

Im Winter verkaufte Zazi außerdem blumenverzierte „Suzani“-Mäntel aus Tadschikistan, eingefasst mit Schaffell aus mongolischen Schlafsäcken. Einer kostet etwa 700 Euro, finanziert aber in Zusammenarbeit mit einer weiteren NGO ein ganzes Jahr Schulbildung für ein Mädchen im indischen Bhikamkor. Dieses Kapitel will Jeanne de Kroon im Winter fortführen, weitere sind in Planung. „Ich kenne einen Stamm im Amazonasgebiet, der tollen Schmuck trägt“, erzählt sie. „Es gibt noch so viele Schätze da draußen.“ Ob sie selbst eigentlich noch „neue“ Sachen kaufe? Sie wirkt verdutzt. „Nein. Warum auch?“

Fußnoten:

  1. ^ Model (www.sueddeutsche.de)
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