Reifenbacken für Radprofis

3540 Kilometer, 21 Etappen, fünf davon am Berg – das Radrennen Tour de France ist eine Extrembelastung für Mensch und Material. Die Fahrer kommen aus aller Welt, die Reifen oft aus Hessen: 8 von 18 Spitzenteams werden laut dem Hersteller Continental[1] mit Reifen des Korbacher Continental-Werks am 1. Juli in Düsseldorf an den Start gehen. Denn die Profis schwören auf Schlauchreifen, die Continental nur in Nordhessen herstellt.

Nach High-Tech sieht es am Arbeitsplatz von Susana Pinto nicht aus: Schwere Industrienähmaschinen rattern. Ein paar Meter weiter spannt ein Kollege Reifenrohlinge in eine dampfende Heizpresse. Der Reifen wird „gebacken“, wie es unter Mitarbeitern heißt. Hier in einer speziellen Abteilung des Korbacher Werks ist Handarbeit immer noch das Maß aller Dinge.

Selbst mit Platten kann man weiterfahren

Die 22-Jährige ist eine von neun Näherinnen. An verschiedenen Stationen nähen sie den Luftschlauch direkt in das Grundgerüst des Reifens ein. Das ist die Besonderheit der Schlauchreifen und bringt Vorteile im Notfall: „Man kann bei einer Panne weiterfahren“, sagt Produktmanager Benjamin Blaurock. Selbst mit Platten kann der Fahrer dank Schlauchreifen noch zum Materialwagen rollen. Bei gewöhnlichen Reifen aus dem Hobbysport könne der Reifen abrutschen und der Fahrer stürzen. Zudem sei Nähen stabiler als Kleben.

Doch selbst im High-Tech-Bereich ist noch Platz für Aberglaube: Schlauchreifen gibt es zwar mit zwei Profilen, diamantiert und glatt. „Das ist aber eher ein Designthema und Kopfsache bei den Fahrern“, erklärt Blaurock. Tests hätten ergeben: Auf die Eigenschaften des Rennreifens hat das Profil kaum Einfluss.

Mehr zum Thema

Dabei ist ein guter Reifen immer ein Kompromiss. Bodenhaftung, Rollwiderstand und Lebensdauer beeinflussen sich gegenseitig. „Die Kunst ist ein ausgewogenes Verhältnis zu erreichen“, sagt Sarah Hohmann-Spohr, Sprecherin von Continental in Korbach. Bei Rennreifen konzentriere man sich auf sehr gute Bodenhaftung und Rollverhalten bei guter Laufleistung.

Das Geheimrezept der Korbacher Reifenbäcker heißt „Black Chili“. Diesen Chili kann man nicht essen. Es ist vielmehr die Kautschukmischung, die den Reifen ihre Eigenschaften verleiht und in einem dünnen Streifen bei 160 Grad auf der Außenseite eingebacken wird. 24 Stunden hängt jeder Reifen im Anschluss zur Qualitätskontrolle – mit 16 bar Druck. Gefahren wird er später mit rund acht bar. Zum Vergleich: Viele Autoreifen werden gerade einmal mit 2,5 bar gefüllt.

Felge kann 200 Grad heiß werden

Das Endprodukt ist extrem widerstandsfähig, aber nicht komplett pannensicher trotz Schutzmaterialien im Inneren. Das liege daran, dass die Reifen an der Grenze des technisch Machbaren gefertigt würden, sagt Blaurock. Zudem sind die Belastungen im Rennen extrem: Bei Abfahrten könne die Felge durchs Bremsen 200 Grad heiß werden.

Das Material von Continental sei begehrt, sagt Blaurock. Die Zahl der Anfragen nach einer Zusammenarbeit übersteige die Zahl der Teams, denen Continental Reifen liefere. Dabei bekämen alle unterstützten Teams identisches Material zur Auswahl. Für den Reifenkonzern sei Radsport in erster Linie eine Imagesache. „Wir sind aber profitabel“, sagt Blaurock über die Korbacher Spezialabteilung. Denn während der Autofahrer eher notgedrungen für neue Reifen zur Geldbörse greife, gebe mancher Hobbyradler gern 100 Euro für den Profireifen aus.

Continental in Korbach beschäftigt 3400 Mitarbeiter und 146 Auszubildende. An dem nordhessischen Standort werden Sommer- und Winterreifen für Autos hergestellt. Im Zweiradbereich produziert Continental Reifen für Fahr- und Motorräder, sowohl für den Alltag als auch für den Profisport. Außerdem werden Industrieschläuche und seit 2016 Hochleistungs-Tuningreifen gefertigt.

Quelle:

www.faz.net

Fußnoten:

  1. ^ Continental (www.faz.net)
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s