Stoff für ein neues Leben – Jesidische Frauen lernen nähen

Jesidische Frauen lernen und verfeinern bei einem Hilfsprojekt ihre Nähkünste. Der Ulmer Familienbetrieb Hörmann stellt dafür Platz, Maschinen und Kompetenz zur Verfügung.

Dienstags wird Sabiha ihren Rock tragen, mittwochs dann Katun und donnerstags kann Nazi ihr neues Kleidungsstück ausführen. Die Frauen lachen über den Vorschlag von Sophie Bischofsberger. Aber auch ein bisschen über sich selbst. Der Grund: Alle drei haben den gleichen schwarz-beige gemusterten Stoff gewählt, um daraus einen einfachen Rock mit Gummizug zu nähen. Nur Hanifa entschied sich für ein Muster mit der Grundfarbe Lila.

Die vier Jesidinnen, die da in einer der Nähstuben des Ulmer Familienbetriebs Hörmann in der Ensingerstraße stehen, sind Teilnehmerinnen eines Projektes, das auf Initiative von mehreren Ulmerinnen angestoßen worden ist. Leiterin ist Sophie Bischofsberger, die als gebürtige Tunesierin auch Arabisch spricht und Mitglied des Internationalen Ausschusses im Gemeinderat ist. Sie wird von der ehrenamtlichen Helferin und Kulturmittlerin Erika Spieß, Wanpen Schlechta, einer Schneiderin mit thailändischen Wurzeln, sowie von der studierten Modedesignerin und Hörmann-Mitarbeiterin Karolina  Twardzik unterstützt.

Ablenkung von der Trauer

„Wir wollen, dass die Frauen wenigstens einmal im Monat aus ihrem Alltag in der Gemeinschaftsunterkunft und der Betreuung ihrer Kinder ausbrechen können“, beschreibt die Projektleiterin den Sinn des Projektes. Doch es geht nicht nur darum, den Jesidinnen ein bisschen Zeit für sich zu beschaffen – „ein weiterer Grund ist Ablenkung von ihrer Trauer und den furchtbaren Erfahrungen, die sie gemacht haben“. So haben viele ihre Männer, Söhne und Verwandte durch die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) im Irak verloren und sind selbst Gefangene gewesen.

Maria Wahl, Seniorchefin bei Hörmann, bringt verschiedene Stoffballen, einige davon mit Blumen oder feinen Ornamenten in bunten Farben. Die Frauen schlagen sie auf, befühlen und betrachten sie. Die Aufforderung von Maria Wahl „bunte Farben zu wählen, weil die fröhlich machen“, wird freundlich zur Kenntnis genommen. Trotzdem fällt die Wahl auf die dunklen Stoffe. „Ich bin traurig, weil ich meinen Mann verloren habe und nicht weiß, wo mein Sohn ist“, erklärt Nazi auf Arabisch, das Jesidinnen oft sprechen können. Sabihas Verwandte sind gefangen, die anderen schweigen. Also dunkle Röcke.

Maßband, ein Blatt Papier und ein Stift: Die Frauen messen sich gegenseitig die Taille und davon die Länge bis zu den Fußknöcheln ab. „Der Rock muss lang und bequem sein“, unterstreicht Sabiha, die schon ganz gut Deutsch versteht. Genau wie Nazi, die sich immer wieder Wörter notiert: Hüfte, Schere, langsam, Faden, Stoff, Metermaß. Dass sie schreiben kann, ist nicht selbstverständlich. Nicht alle durften zur Schule. „Meine Eltern haben es erlaubt, aber es war nicht gerne gesehen im Dorf“, sagt sie. Die Stoffe werden abgemessen, der Schnitt mit Kreide aufgemalt und dann wird zugeschnitten. Erika Spieß, Karolina Twardzik und Wanpen Schechta helfen, aber es stellt sich heraus, dass Nähen für die Jesidinnen nichts Neues ist.

Nur so  hochmoderne Maschinen gab es nicht. Aber um das Nähen allein geht es auch gar nicht: „Es ist das Miteinander, dass sie andere Frauen kennen lernen, die Sprache, ein wenig Rechnen und nebenher unserer Kultur begegnen“, sagt Sophie Bischofsberger.

Karolina Twardzik zeigt jeder, wie eine spezielle Nähmaschine die Kanten umsäumt. Ratzfatz ist Hanifas Rock anschließend schon an zwei Seiten zusammengenäht. Die freundliche, junge Frau erklärt nicht anders als sie es bei deutschen Frauen machen würde, und es funktioniert erstaunlich gut. Nur hin und wieder dolmetscht Sophie Bischofsberger zur Ergänzung.

Ziel ist, ab September einmal im Monat einen Nähtag zu organisieren. „Dann können die Frauen Taschen und mehr etwa für den Ulmer Weihnachtsmarkt nähen und verdienen ein bisschen Geld“, sagt sie. Das sei dann der nächste Schritt in das neue Leben hier.

Material Um mehr Frauen die Teilnahme am Projekt beziehungsweise Nähen für sie überhaupt möglich zu machen, suchen die Initiatorinnen noch Spenden. Gebraucht werden vor allem Nähutensilien wie Stoffe, Garn, Reißverschlüsse etc. Große Unterstützung kommt bereits von „Nähmaschinen-Hörmann“. Der Betrieb stellt den Raum sowie die Nähmaschinen zur Verfügung, dazu Stoffe und eine Mitarbeiterin. Wer etwas spenden und wer am Kurs teilnehmen will – Deutsche ohne Nähkenntnisse sind willkommen  – kann sich unter sophie@bischofb.de melden. Gesucht werden auch Teilnehmer für einen Singkurs.

Quelle:

www.swp.de

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