Das ist die Antwort auf den BH von der Stange

Oldenburg[1] Verführerische Aussicht kurz vorm Bahnübergang in der Oldenburger Schulstraße: Wenn dort die Schranken runtergehen, schweifen die Blicke schon mal rüber zu Marie-Luise Hinrichsens Geschäft. Die fein verzierten BHs und Slips im Schaufenster versüßen so manch einem Fahrer, einer Fahrerin die Wartezeit.

Marie-Luise Hinrichsen[2] hat sich als Dessous-Maßschneiderin selbstständig gemacht, vor rund zweieinhalb Jahren. Jetzt wurde die 53-jährige Oldenburgerin mit „Malibra“ unter den Top 12 für den Gründerpreis Nordwest nominiert, unter mehr als 70 Bewerbern. Gewonnen hat sie nicht, aber dennoch ist das eine schöne Auszeichnung – die auch noch einmal die Besonderheit ihres Unternehmens hervorhebt.

Maßschneiderinnen gibt es in Deutschland viele. Schneiderinnen, die sich auf Dessous spezialisieren, sind aber selten.

BH sitzt oft nicht nicht

„Viele Frauen wollen endlich mal einen BH haben, der passt“, sagt Marie-Luise Hinrichsen, auch aus eigener Erfahrung. Der nicht zwickt oder drückt, bei dem die Träger nicht rutschen. Denn das sei das Problem: Viele laufen tagtäglich mit Modellen herum, die gar nicht sitzen. Und dann geht die große Zuppelei los. Bei Malibra geht es darum zwar auch um Schönheit, aber vor allem um die richtige Passform.

„Es ist nicht unbedingt eine Frage der Größe“, weiß Hinrichsen. Asymmetrie, abfallende Schultern, breiter Brustansatz, wenig oder viel Oberweite – die Gründe für Probleme mit BHs von der Stange sind vielfältig. Auch Brustkrebs-Patientinnen kommen in Hinrichsens Laden. „Da sagt nach einer OP auch manchmal der Mann: Gönne dir jetzt mal was besonders Tolles!“, erzählt sie. Bei diesen Kundinnen achte sie zum Beispiel auf empfindliche Narben und gebe sich Mühe, Prothesen zu kaschieren.

Beim Maß nehmen fragt Hinrichsen genau nach, was die Frauen sich wünschen, zeigt Schnittmuster und Probemodelle. Genormte Körbchengrößen interessieren sie nicht.

Sie arbeitet „nah an der Frau“, wie in ihrem vorherigen Beruf: Als ehemalige Hebamme hat sie bei den Frauen oft einen Vertrauensbonus, wie sie selbst sagt. Zwei Drittel ihres Berufslebens holte Hinrichsen Kinder auf die Welt. Bis sie entschied, im letzten Drittel noch mal etwas Neues anzugreifen – die zweite Besonderheit ihres Unternehmens. Nur ein Viertel der Gründer in Deutschland sind weiblich und von denen gründen die meisten in jüngeren Jahren.

Schneidern war immer Hinrichsens Hobby, schon seit der Kindheit. „Mit acht Jahren fing ich mit dem Nähen an“, erzählt sie. „Meine Mutter zeigte es mir.“ An ihr erstes Kissen erinnert sie sich heute noch, später folgten vor allem Klamotten. Als im Internet die ersten Nähforen aufkamen, habe sie noch einmal einen Schub gemacht.

Schließlich machte es Klick: Sie entdeckte die Dessous-Maßschneiderei als Nische und meldete sich an der Dessous-Akademie[3] Ginsheim an, um ihrem Geschäft eine professionelle Grundlage zu geben. „Dessous-Maßschneiderei ist ein Handwerk, aber keine geschützte Berufsbezeichnung“, sagt Hinrichsen. In der normalen Schneider-Ausbildung lerne man das Nähen von BHs nicht.

Vier Semester lang übte sie in fünf Seminarblöcken die verschiedenen Facetten der Dessous-Schneiderei – in gigantischem Tempo, wie sie erzählt. Für die Kurse an der Akademie müsse man schon sehr qualifiziert, mindestens ambitionierte Hobbyschneiderin, sein.

Leben kann Marie-Luise Hinrichsen von ihrem Unternehmen noch nicht. „Ich konnte diesen Schritt ohne Angst gehen, weil ich einen Mann habe und keine Kinder versorgen muss“, sagt die Gründerin. Sie war also nicht sofort darauf angewiesen, Gewinne zu erzielen. Andererseits hat sie ihren Beruf auch noch einmal gewechselt, um im Alter mehr Geld zu haben.

Aber immerhin: Im Monat kommen circa fünf neue Kundinnen, in jedem Jahr verdoppelte sie ihre Umsätze.

Ihre jüngste Kundin war 16, die älteste 83 Jahre alt. „Die feine, alte Dame wollte ein Unterbrustkorsett haben, weil sich ihres in Luft auflöste“, erzählt Hinrichsen.

Bis zu 20 Komponenten

Manchmal braucht es mehrere Anproben, bis die Frauen wissen, was sie wollen und Material und Farbe ausgesucht haben. Aber ist der BH erst einmal fertig, lassen ihn viele direkt nach der Anprobe an.

„Mir ist wichtig, dass die Frauen wiederkommen“, sagt Hinrichsen. Darum nehme sie sich die Zeit, zeige den Frauen vorsichtig, was möglich ist. Bis zu 20 unterschiedliche Materialteile würden bei einem BH verarbeitet, das kann bis zu vier Stunden dauern. Zusätzlich bietet die 53-Jährige Workshops an, zum Beispiel im Slipnähen.

Wie lange sie ihr kleines Unternehmen allein mit eigener Kraft führen kann, weiß sie noch nicht. „Irgendwann muss ich überlegen, welche Aufgaben ich abgeben kann.“

Ihre Vision: „Dass ich im Umkreis bekannt bin, dass ich zufriedene Kundinnen habe und dass sich das Unternehmen am Ende auch für mich rechnet.“

Lesen Sie mehr über Gründer und Gründerinnen im Oldenburger Land:

Amorie: Vom Glück selbstständig zu sein[4]

TanMeOn: Ein T-Shirt für (fast) nahtlose Bräune[5]

Optikids: Mit Tagträumereien zur eigenen Firma[6]

Fußnoten:

  1. ^ Oldenburg (www.nwzonline.de)
  2. ^ Marie-Luise Hinrichsen (www.nwzonline.de)
  3. ^ Dessous-Akademie (www.nwzonline.de)
  4. ^ Amorie: Vom Glück selbstständig zu sein (live.nwzonline.de)
  5. ^ TanMeOn: Ein T-Shirt für (fast) nahtlose Bräune (live.nwzonline.de)
  6. ^ Optikids: Mit Tagträumereien zur eigenen Firma (live.nwzonline.de)
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