Stuttgarter Markt mit Nähmaschinen boomt: Stich für Stich zur Selbstverwirklichung – Stuttgart

Von Sybille Neth

Sybille NethSybille Neth (sne)Profil

 16. Juni 2017 – 00:00 Uhr[1]

Nähen macht glücklich – aber nur mit der richtigen Nähmaschine. Viele Geschäfte in Stuttgart bieten neben der Beratung auch Einführungskurse und Nähkurse an.

Die Tipps der Fachfrau für die Wahl des Nähprogramms sind wichtig. Foto: Lg /Zweygarth Die Tipps der Fachfrau für die Wahl des Nähprogramms sind wichtig. Foto: Lg /Zweygarth

Stuttgart[2] – Nähen macht glücklich. „Für mich hat das fast etwas Meditatives“, gesteht Annemarie Fambach-Martin. In der Filiale von Stoff-Ideen berät sie Hobbyschneiderinnen, die auf der Suche nach der richtigen Nähmaschine sind. Denn, wenn die Maschine den Stoff verschluckt, wenn sie mürrisch surrend stockt oder den Faden nicht gleichmäßig transportiert, macht Nähen überhaupt nicht glücklich. „Früher gehörte eine Maschine in jeden Haushalt“, sagt Fambach-Martin. Heute ist genau das wieder im Kommen. Sabine Hagmann, die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverband Baden-Württemberg stellt bei manchem Händler Verkaufssteigerungen von 15 bis 20 Prozent in den zurückliegenden drei bis vier Jahren fest.

Der Unterschied: Wurde einst genäht, weil es günstiger war, ist es heute mitunter sogar teurer, eigene Kreationen anzufertigen, denn Stoffe haben ihren Preis. Es geht vielmehr um die Lust am Tun. „Manche Leute bewegen auch ethische Gründe zum Nähen, weil sie nachhaltiger leben wollen“, beobachtet Fambach-Martin. Auch deshalb ist die Wahl der richtigen Nähmaschine letztlich typabhängig. Wer ab und zu einen Vorhang, einen Kissenbezug oder ein Pumphöschen für das Kleinkind nähen will, braucht ein anders Modell als ambitionierte Kundinnen, die sich an edlen Wollstoff wagen, um daraus einen Mantel zu schneidern.

Der Computer stickt ganz alleine

Das Flaggschiff bei Fambach-Martin ist eine High-Tech Maschine mit integriertem Computer. Damit stickt sie jedes gewünschte Motiv. Zum Beispiel ein Foto, einen Schriftzug oder eine Kinderzeichnung. Das eingescannte Bild wird in ein Stickprogramm übersetzt, Farbwünsche kann die kreative Besitzerin eingeben und schon kann es losgehen. „In der Zwischenzeit kann man etwas anderes machen“, ­erklärt die Fachfrau. Dieser Luxus kostet allerdings fast 9000 Euro. Die solide Haushaltsmaschine ist ab 350 Euro zu haben und eine Overlockmaschine, die Jerseystoff versäubert, säumt und gleichzeitig abschneidet, kostet zwischen 300 und 3000 Euro. „Diese Maschinen haben den Markt erobert“, berichtet die Fachverkäuferin. Gerade bei jungen Müttern, die für ihre Kinder bequeme Kleidung aus Trikotware nähen, seien sie sehr gefragt – und das, obwohl eine Overlockmaschine nur ein Zusatzgerät ist. Die klassische Nähmaschine benötigt man daneben trotzdem noch.

Wer ein Billigprodukt zum Beispiel beim Discounter oder im Internet ohne Beratung kauft, wirft Geld zum Fenster raus, sagt Fambach-Martin. „Manchmal würde man schon für 100 oder 150 Euro mehr eine qualitativ gute Maschine bekommen.“ Für die würde es dann auch eine kostenlose Einführung sowie den Service geben und die Verschleißteile könnten immer wieder ersetzt werden, sodass sie jahrzehntelang ihren Dienst tut.

Billigkäufe lohnen sich nicht

Solche stehen in der Werkstatt von Robert Löhle und geben dem Raum das Flair eines Nähmaschinenmuseums. Modelle aus verschiedenen Jahrzehnten, im braun karierten Wachstuchkoffer, in der leicht vergilbten Kunststofftragebox und sogar das Oberteil einer Tretnähmaschine – alles steht säuberlich aufgereiht mit einen Auftragszettel auf dem Fußboden. Löhle repariert jeden gerissenen Riemen, jede abgebrochene Feder und jedes klemmende Zahnrad, sofern es sich um eine Qualitätsmaschine handelt. Billigprodukte sind Wegwerfartikel, sobald die Garantie abgelaufen ist, erklärt er. Und schon oft ist die Enttäuschung gleich nach dem Kauf da, wenn das vermeintliche Schnäppchen nicht so funktioniert wie gewünscht.

Heim und Garten werden geschätzt

Löhle ist ausgebildeter Nähmaschinenmechaniker. Sein Beruf ist wegen der Abwanderung der Textilindustrie in Billiglohnländer ausgestorben. Als Urgestein, das mit ­allen Tücken der Feinmechanik vertraut ist, verkauft er auch Neuware von der Haushalt- bis zur Industriemaschine. Solche schweren Modelle wartet er im Staatstheater. „Dort bin ich oft“, sagt er, denn in den Werkstätten und der Schneiderei rattern sie tagtäglich. Wie alle Fachgeschäfte bietet auch er seiner Kundschaft eine ausführliche Einführung in die Geheimnisse des Einfädelns und des Spulens.

Gekauft wird von allen Altersklassen. „Da ist die 14-jährige, die sich eine Maschine wünscht und die 70-jährige Dame, die mit ihrer alten nicht mehr zufrieden ist, und etwas modernes möchte“, berichtet Löhle. „In den letzten fünf Jahren beobachte ich das“, sagt er und der Mann vom Fach hat dafür eine steile These: „Seit dem Euro und seit dem 11. September haben das Zuhause und der Garten als geschützter Raum wieder einen hoch geschätzten Stellenwert erhalten. Ein bestimmter Kreis von Menschen geht nicht mehr so viel raus.“

Schneidern auf Maß

Noëlle Biegert jedoch hat sich gerade fürs Ausgehen eine Nähmaschine für 800 Euro geleistet, weil sie damit ihre Outfits fürs Tanzen schneidert. Sie ist Mitglied in einem Verein und die dekolletierten Kleider für die lateinamerikanischen Rhythmen müssen auch bei den wildesten Bewegungen gut sitzen. Früher hatte sie eine Maschine mit etlichen Mucken. „Jetzt macht es soviel Spaß zu nähen, weil meine jetzige das macht, was ich will“, schwärmt sie. Zusammen mit Waltraut Hahn, die wegen ihrer zierlichen Maße die gesamte Garderobe selbst schneidert, besucht sie einen Nähkurs bei Esro Jersey. Isabelle Altenbeck steht ihnen mit praktischen Tipps und kreativen Ideen zur Seite. „Ich als Modedesignerin habe vier Maschinen zu Hause“, verrät sie. Auch zunehmend Männer ­finden Nähen attraktiv, berichtet sie. „Die nähen dann zum Beispiel eine Laptop­tasche oder eine Hülle für das Handy.“ Und sie kennt auch die folgenschweren Fehler, die viele Hobbyschneiderinnen machen, zum Beispiel billigen Faden verwenden.

Die Hände wollen beschäftigt sein

Was der in der Maschine anrichtet, weiß auch Ursula Freudel. Sie führt in Stuttgart in der dritten Generation das ältestes Nähmaschinengeschäft, das den Namen ihrer Vorfahren trägt: Nähmaschinen Roederer. Heute hat sie die Öffnungszeiten eingeschränkt, denn sie will sich zur Ruhe setzen, nimmt aber immer noch Reparaturen an und verkauft weiter Nähmaschinen und demonstriert begeistert, was die heute alles können. Zum Beispiel geradeaus nähen ­ohne, dass der Stoff mit den Händen festgehalten wird, selbstständig die Fadenspannung einstellen und automatisch den Stofftransport regeln – egal ob Seide oder Denim. „Die jungen verkopften Frauen, die viel vor dem Computer sitzen, kaufen bei mir“, charakterisiert sie ihre neue Kundschaft und erahnt, was gerade sie am Nähen fasziniert: „Ohne die Beschäftigung der Hände kommt man eben nicht aus.“

Fußnoten:

  1. ^ Sybille Neth (www.stuttgarter-zeitung.de)
  2. ^ Stuttgart (www.stuttgarter-zeitung.de)
  3. ^ <a href="http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.naehcaf-in-bad-cannstatt-hier-haelt-die-welt-mit-nadel-und-faden.5a1df82a-d78a-4ff2-a451-ccdd9a509de5.html&quot; rel="nofollow" title="Hier hält die Welt mit Nadel und Faden" class="data" data-tags="" data-imagecount="1" data-videocount="0" data-commentcount="0" data-paidcontent="“ data-lt=““ name=“readabilityFootnoteLink-3″>Hier hält die Welt mit Nadel und Faden (www.stuttgarter-zeitung.de)
  4. ^ Stuttgart (www.stuttgarter-zeitung.de)
  5. ^ zur Homepage (www.stuttgarter-zeitung.de)
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