Ein Blick in die Zukunft: Der Einfluss von Robotern auf die Modewelt

Es soll die einzige seiner Fashion Shows gewesen sein, bei der der im Jahr 2010 verstorbene Designer Alexander McQueen selbst weinen musste: 1999 schuf der brillante Fashion-Visionär eines der stärksten Bilder für die Fusion von Mode und Technologie. Im Finale der Show für seine Herbst/Winter-Kollektion (Ready-to-Wear) ließ er das Model Shalom Harlow in einem schulterfreien weißen Kleid zwischen zwei bedrohlich wirkenden Roboterarmen rotieren, die das Model schließlich mit Farbe besprühten. „Schön und brutal zugleich“ sei die Szene gewesen, erinnert sich Andrew Bolton, Kurator am Costume Institute des Metropolitan Museum of Art in New York City, „fesselnd und verstörend“. Ein zutiefst emotionales Erlebnis – wie so viele Shows von McQueen.


Natürlich spielte der britische Designer mit unserer Angst vor Maschinen. Aber der Zeremonienmeister der Gefühle wusste eben auch, dass diese bald ein entscheidender Bestandteil der Modeindustrie sein würden. Wie sehr hat er tragischerweise nicht mehr erlebt.

Im Jahr 2017 sind Roboter und künstliche Intelligenz Gegenwart und Zukunft der Mode zugleich. Von der Produktionsmaschine über das Schnittmuster-Programm bis zur Marketing-Optimierungs-Software beim Händler oder Social-Media-Kanälen für VIP-Shopping: Maschinen und künstliche Intelligenz helfen dabei, Mode zu machen und sie an den Kunden zu bringen.

Das verändert auch unser Verhältnis zur Mode grundlegend:

„Die Technologie revolutioniert die Art und Weise, wie wir Mode kaufen, wie wir sie tragen und herstellen“, sagt die amerikanische Designerin, Robotik-Expertin und Bloggerin bei „The Fashion Robot“[1] Leanne Luce. Und wir stehen erst am Anfang.

Wie wir Mode kaufen

Die Analyse unserer Datenspuren im Netz, die sogenannten Big Data, gehört mittlerweile zum Modegeschäft wie Nadel und Faden. Die Frage, welche Trends, welche Farben und welche Größen für welchen Kunden geeignet sind, beantworten längst Computerprogramme. Der persönliche Zuschnitt auf den Kunden, das sogenannte Costumizing, wird zunehmen, da sind sich Experten einig. Am vorläufigen Ende steht die direkte Interaktion zwischen Kunde und Hersteller bei der Entscheidung, wie genau das Kleidungsstück aussehen soll. An diese Entwicklung knüpft sich eine für Modeliebhaber schmerzhafte Aussicht: Die zunehmende Effizienz im E-Commerce wird das Ende des Schlussverkaufs bedeuten, wie wir ihn kennen. Wo kein Überschuss besteht, müssen auch keine Lager geräumt werden – egal, ob im stationären Handel oder online.

Schließlich büßen die großen Marken zunehmend an Macht ein. Vor allem jüngere Kunden haben kein Interesse mehr daran, sich als Werbefläche für Markennamen instrumentalisieren zu lassen, berichtet Ishwari Thopte, Leiterin der Abteilung Modetechnologie am Centre for Fashion Enterprise (CFE)[2] in London. Das beworbene „Feeling“ zieht nicht mehr, der junge Kunde will „Bedeutung“ und Transparenz: Woher kommt das Material, wie wurde es verarbeitet und welchen Weg hat das Kleidungsstück genommen, sind Fragen, welchen sich Unternehmen heute stellen müssen. „Für die junge Generation sind Nachhaltigkeit, Klimawandel und Abfallreduktion relevante Themen“, sagt Thopte. „Sie konsumiert ethischer.“ Es ist nicht mehr ausreichend, eine Recycling-Box im Laden aufzustellen.

Wie wir Mode tragen

Noch nie war der Konsument sich seiner Funktion so bewusst wie heute. Wir wissen um sweat factories in Bangladesch, um Nerzfarmen oder um Rupfstationen für Daunenjacken. Wir wissen, dass die Mode, gleich nach dem Öl, als dreckigste Industrie der Welt gilt. In den vergangenen 15 Jahren hat sich der Modekonsum mehr als verdoppelt – und mit ihm der Müll und die Umweltverschmutzung (Quelle: Greenpeace[3]).

Das wenig sexy klingende, aber vom Kunden eingeforderte Thema der Fashion-Vordenker ist daher Nachhaltigkeit. „Die Preise der Rohmaterialien steigen stetig, weil Ressourcen knapper werden. Und irgendwann ist es nicht mehr nur eine Frage von gutem Willen, sondern von Notwendigkeit, nachhaltig zu produzieren“, sagt Ina Budde[4], die an der Esmod Berlin, der Internationalen Kunsthochschule für Mode, „Nachhaltige Design-Strategien“ unterrichtet. Ein Studiengang, der bereits vor fünf Jahren eingerichtet wurde. „Irgendwann werden Businessmodelle, die auf ständig neuen Ressourcen basieren, nicht mehr existieren. Davon bin ich überzeugt.“ Budde plant nicht weniger als eine Industrie 4.0, in der alle Beteiligten in einem geschlossenen Kreislauf miteinander verbunden sind – vom Garnproduzenten über den Kleidungshersteller bis zum Kunden und zum Recycler. Eine Industrie, in der absolute Transparenz herrscht und lückenlose Effizienz, die Überproduktion und Abfall abschafft, wo nur noch recycelte Materialien verwendet werden.

Dabei sollen Maschinen helfen, so Budde weiter. „Ein T-Shirt, unter schlechten Bedingungen von Menschenhand gefertigt, zu einem extrem niedrigen Preis anzubieten, das darf es einfach nicht mehr geben.“ Man müsse mit digitalisierten Systemen eine Alternative zu den berüchtigten sweat factories aufbauen.

Wie wir Mode herstellen

Der endgültige Schritt in Richtung Automatisierung fehlt noch. Eine Fertigungsstraße wie in der Autoindustrie ist für Kleidung bisher nicht möglich. Für die Komplettverarbeitung verschiedenster, vor allem fragiler Stoffe braucht es bis heute Menschenhände. Wo es hingehen könnte, zeigt Adidas. Der Sportartikelgigant hat gerade eine sogenannte Speedfactory im bayerischen Ansbach eröffnet, wo die Sneaker-Herstellung fast ausschließlich von Maschinen geleistet wird. Zusammen mit einer weiteren Fabrik, die gerade in den USA entsteht, sollen eine Million Schuhe im Jahr produziert werden. Es sei eine „Ergänzung“, beeilt sich die Adidas-Sprecherin zu sagen, „kein Ersatz“. 2016 hat Adidas weltweit 360 Millionen Paar Schuhe gefertigt. „Vielleicht ist das auch die Zukunft, aber nicht das Morgen.“

Solch Vollautomatisierung sei „schneller, umweltfreundlicher, weniger fehleranfällig und verringere das Risiko für die menschliche Gesundheit“, sagt Thopte vom CFE. Natürlich dürfe man das gewaltige Problem der drohenden Arbeitslosigkeit für all die Arbeiter in Kambodscha oder China, dort, wo die Handarbeit billig und eine wichtige Einkommensquelle sei, nicht ausblenden. Das sei die andere Seite der Fortschrittsmedaille. Andererseits hätten auch die industrielle und die digitale Revolution vielen Menschen den Arbeitsplatz gekostet, den sie dann anderswo suchen mussten.

„Die Zukunft der Mode muss verschiedene Fertigungsmöglichkeiten für verschiedene Szenarien bieten“, sagt Esmod-Dozentin Budde. Die Fast Fashion, die Mode der Ketten und Shopping-Meilen, „erfordert die Automatisierung“. Gleichzeitig werde Handarbeit wieder höhere Wertschätzung erfahren, und das gelte nicht nur für die Haute Couture. „Man wird sich bewusster entscheiden: Auf welches besondere Design lege ich Wert? Und welches Basic-T-Shirt kann auch gerne von einer Maschine genäht sein?“

Was die Maschine nicht kann

Immerhin beim Design werde der Mensch die Oberhand behalten: „Künstliche Intelligenz kann Trends ausfindig machen, aber Designer setzen Trends!“, sagt Thopte. „Ich glaube nicht, dass man die menschliche Kreativität je durch eine Maschine ersetzen kann. In diesem Sinne wird Mode immer menschlich bleiben.“ Das sieht Budde genauso: „Was die Menschen, die Kleidung kaufen wollen, fasziniert, sind doch der Gedanke und der Mensch dahinter.“

Und es soll wieder Alexander McQueen sein, der bereits vor mehr als zehn Jahren gezeigt hat, welch’ Schönheit Mensch und Maschine gemeinsam erschaffen können: In seiner Ready-to-Wear-Kollektion für Herbst/Winter 2006[5] ließ er im Finale Über-Model Kate Moss als Hologramm auftreten. Als blasses Traumbild schwebte sie in wallendem Organza einen kurzen Moment über dem Laufsteg, bis die schöne Vision wortwörtlich verpuffte. Begeisterte Zuschauer nannten das damals „techno-magic“.

Quelle:

www.vogue.de

Fußnoten:

  1. ^ „The Fashion Robot“ (thefashionrobot.com)
  2. ^ Centre for Fashion Enterprise (CFE) (www.fashion-enterprise.com)
  3. ^ Greenpeace (www.greenpeace.org)
  4. ^ Ina Budde (ina-budde.de)
  5. ^ Ready-to-Wear-Kollektion für Herbst/Winter 2006 (www.vogue.de)
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s