In den Nähkursen treffen sich Fans, Kindergartenkinder und Betriebsausflügler

BIERSTADT –

Von Julia Anderton

Am liebsten nähen die Wiesbadener Kinderkleidung wie Babyhosen und T-Shirts. Für Erwachsene stehen ebenfalls selbstgeschneiderte Shirts sowie Röcke und Kleider hoch im Kurs. Irina Wirt ist ausgebildete Ingenieurin für Bekleidungstechnik und Berufsschullehrerin. Als Sahnehäubchen hat sie per Fernuniversität ein Mode- und Designstudium draufgesattelt. Sie stammt gebürtig aus Russland; in Deutschland lebt sie seit 2001 und bietet seit 2003 Nähkurse an; außer in Bierstadt (wo vor allem ihre Kurse für Fortgeschrittene gefragt sind) auch an der Volkshochschule in der Innenstadt sowie in ihrer Nähwerkstatt Unter den Eichen.

Ausgleich zum Alltag

„Viele Frauen und Männer sehen Handarbeit als Möglichkeit, um meist schlechten Nachrichten aus aller Welt zu entfliehen. Expertinnen schreiben dem Hobby Nähen eine Ausgleichswirkung zu: Die Technisierung der Arbeitswelt und der Alltag bietet wenig Möglichkeiten, sich künstlerisch-kreativ auszudrücken. Die Beschäftigung mit textilen Techniken ist da eine willkommene Abwechslung“, hat Irina Wirt festgestellt. Auch eine Umfrage in ihren VHS-Nähkursen habe bestätigt, dass nichts so effektiv gegen den Alltagsstress wirke wie eine kreative Stunde am Feierabend. „Für viele ist es in erster Linie Entspannung. Mein Ziel neben dem Nähen ist auch, den Teilnehmern eine Wohlfühlzone anzubieten, wo sie den Arbeits- und Alltagsstress abbauen und ihren Wunsch nach greifbarem Erfolg erfüllen können.“

Aufsehenerrendes Kleid

Es ist noch gar nicht lange her, da konnte sich insbesondere Jugendliche nichts Altmodischeres vorstellen als Handarbeit. Doch das Blatt hat sich vollständig gewendet. So hat sich beispielsweise erst kürzlich ein Team aus Schülerinnen der siebten Klasse des Campus Klarenthal mit einem selbst designten, aufsehenerregenden Kleid im französischen Modestil am Rennen um das Siegertreppchen beim Schul-Award Leonardo der Wiesbaden Stiftung teilgenommen. „Es gibt einen Bedarf nach Individualität statt nach Massenware. Man möchte etwas Besonderes haben, das nicht jeder hat. Früher hat die Mutter oder Oma aus Kostengründen genäht oder geflickt. Heute gilt es eher als Luxus, wenn man für sich oder für andere etwas selber macht“, hat Irina Wirt bemerkt, die unter anderem am Volksbildungswerk Bierstadt Näh-Fans unterrichtet. „Die Kinder haben auch mehr Lust an dem Hobby. Ich finde besonders gut, dass auch Jungs sich interessieren und ihre Kleidung selbst nähen möchten.“

Irina Wirt gibt in ihrer Nähwerkstatt Unter den Eichen neuerdings Kurse für Mütter-Kind- Gespanne; auch die ersten Väter haben sich bereits blicken lassen. „Die Erfahrungen sind sehr interessant. Zum Beispiel begreifen Kinder oft viel schneller die Techniken und helfen den Müttern. Wenn man zusammen ein gemeinsames Projekt realisiert, ist das auf jeden Fall ein tolles Erlebnis für die Familie!“ Auch in den Schulen tue sich offenbar einiges: „Bei mir sind ab und zu Lehrerinnen in den Kursen, die eine Näh-AG in ihrer Schule anbieten“, freut sich Irina Wirt.

Simone Hoesch von der 1999 gegründeten Kreativwerkstatt „Sternenwiese“ in Sonnenberg kann diese Bewegung bestätigen. Sie begleitet Projektwochen in Schulen oder in ihrer Werkstatt: „Gemeinsames Lernen im Klassenverband, keine Noten, tolle Ideen und Umsetzungen“, lautet ihr Fazit. „Ich finde es schade, dass es kaum noch Handwerksunterricht in der Schule gibt. Allerdings hatte dieser wegen der Benotung und weil jeder das Gleiche machen muss, um zu einer vergleichbaren Beurteilung zu kommen, auch etwas Einschränkendes. Handarbeitsunterricht ist toll, aber mit viel Entfaltungsmöglichkeit und ohne Druck durch Benotung“, betont die dreifache Mutter.

In der Sternenwiese bietet sie gemischte Gruppen für Kinder und Erwachsene an. „Kinder gehen an das Nähen sehr unbefangen ran. Sie trauen sich sehr viel zu und haben noch keine Angst, etwas falsch zu machen. Ich hatte zum Beispiel eine Vierjährige, die sich ein Shirtkleid mit nur einem Ärmel nähen wollte. Da sie so schmal war, gab es so etwas für sie nicht zu kaufen. Mit ihrer Oma zusammen kam sie in mein Atelier und hat es sich mit kleiner Unterstützung selbst gefertigt“, erinnert sich Simone Hoesch.

Kleines ist knifflig

Wem das als Anfänger zu weit geht, kann sich dem Thema auch auf andere Weise nähern: „Ganz einfach sind Kissen in jeglicher Form, auch als Hasen oder Hunde. Man näht sie in kurzer Zeit und hat ein großes Erfolgserlebnis. Kniffliger sind Anziehsachen mit Rüschen und Falten, Hosen, weil die Passform sehr individuell ist, Abendkleider und Kleidung für Barbiepuppen sowie Kuscheltiere. Dabei gilt, je kleiner, umso kniffliger. Aber auch das gelingt mit Geduld und Spaß am Tun“, ermutigt die Sonnenbergerin.

Neben den Kursen veranstaltet sie Geburtstagsfeiern für Kinder und Erwachsene, auch Mitarbeiterausflüge haben des Öfteren die „Sternenwiese“ zum Ziel. „Alle motorischen, geistigen und emotionalen Eigenschaften werden durch das Nähen trainiert. Bei der Arbeit in der Gruppe hilft jeder jedem, was zusätzlich die sozialen Kompetenzen fördert. Man konzentriert sich auf das Nähwerk, kommt aber im Arbeitsfluss auch in eine Ruhe, die oft als ‚Kurzurlaub‘ oder als Mediation empfunden wird.“ Zudem werden Grob- und Feinmotorik gefördert und schlussendlich das Selbstbewusstsein durch das entstandene Teil gestärkt.

„Ich glaube, es ist wichtig, einen Ausgleich zu schaffen zu unserer hoch technisierten Arbeits- und Lebensweise. Etwas mit den Händen erschaffen, nicht per Mausklick etwas wachsen zu sehen, hat einen anderen Rhythmus, eine andere Langsamkeit. Das scheint vielen Menschen als Gegenentwurf zu unserem rasanten Leben wichtig zu sein.“

Internationale Projekte

Was in Biebrich 2009 mit dem Atelier Culture begann, in dem sich als interkultureller Nähsalon 25 Frauen aus 16 Nationen zum Nähen trafen, entwickelte sich rasch zum selbstfinanzierten Unternehmen mit Nähkursen, Nähmaschinenverkauf und Auftragsarbeiten. Mittlerweile befindet sich der Firmensitz in der Innenstadt. „Wir widmen uns als Unternehmen der Transformation zur Nachhaltigkeit und organisieren international Projekte für Unternehmen und Staaten mit dem Ziel der Veränderungen in Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft. Vielfach auf Grundlage von Recycling und tatsächlich Nähen, denn so erreichen wir viele Menschen“, erläutert Anke Trischler von der Unternehmergemeinschaft Wiesbadener Salon. In einer Projekt-Werkstatt in Amöneburg entstehen die Prototypen, die dann den Weg in die Welt gehen: Zum Beispiel die aus Fahnenstoff gearbeitete „Veggie Lily“ (ausgezeichnet mit dem ChangeMakerSlam) für den Einkauf von Obst und Gemüse oder die „Air Bags“-Taschen unter dem Label „Rething“, die tatsächlich aus alten Auto-Airbags genäht werden.

Noch mehr Nachrichten aus der Region lesen? Testen Sie kostenlos 14 Tage das Komplettpaket Print & Web plus![1]

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s