Designertasche aus Zementsäcken: Handgenäht und fair entlohnt

Das erste Mal sah sie das Land ihres Vaters 2008, als sie seine Urne heim nach Kambodscha brachten, wie er es sich auf dem Sterbebett gewünscht hatte. In all den Jahren davor hatte der Vater nie viel über die Heimat gesprochen. Viry Kem, damals 24 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in Sachsen, entdeckte in der Provinz Svay Rieng im Südosten Kambodschas[1] nicht nur ihre Wurzeln und den Teil ihrer Familie, der die Gewaltherrschaft der Roten Khmer überlebt hatte. Sondern auch ihre Liebe zu diesem Land voller Widersprüche: lebensfroh und traumatisiert, wunderschön, bitterarm.

Kambodscha: lebensfroh und traumatisiert, wunderschön, bitterarm

Kambodscha ist Entwicklungs- und Boom-Land zugleich, überall wird gebaut. Sinnbild für den Aufstieg: Zementsäcke, die überall herumfliegen, auf Baustellen, im Abfall, auf Märkten, teilweise mit billigsten Henkeln zur Wiederverwendung aufgepeppt, teilweise als Abfall auf wilden Müllkippen.

Der tote Touristen-Elefant am Straßenrand: Der Nutzer Yem Senok postete das Foto auf seiner Facebook-Seite.

Zu Tode geschuftet

Elefant stirbt, während er Touristen durch Angkor Wat schleppt

Trotz Boom müssen von den 15 Millionen Einwohnern drei Millionen mit weniger als 1,15 Dollar am Tag auskommen, weitere acht Millionen haben nur 2,30 Dollar am Tag. Wer alt ist, krank oder behindert, kann sich nur auf seine Familie verlassen, soziale Sicherungssysteme gibt es kaum. Fast niemand gibt kranken oder behinderten Menschen Arbeit.

Viry Kem, die sich schon lange für Umweltschutz und Ökologie interessiert hatte, die schon als Mädchen beschlossen hatte, kein Fleisch mehr zu essen, flog fortan immer wieder nach Kambodscha. Immer wieder fragte sie sich, was sie vielleicht tun könnte für das Land. Und diese Säcke gingen ihr nicht mehr aus dem Kopf, eigentlich Abfall, aber irgendwie schön: mit Elefantenmotiven, bunten Ornamenten, federleicht, reißfest, wasserdicht, viel zu schade für den Müll.

2014 gründeten Kem und ihr Mann Stefan die Firma Khmai – einen Onlineshop in Hamburg, der Taschen und Laptop-Hüllen aus wiederverwendeten Zementsäcken verkauft. Die beiden fanden in Kambodscha Werkstätten, die die Säcke waschen und aufbereiten und zu hochwertigen Taschen designen und verarbeiten.

Was den Gründern besonders wichtig war: Sie wollten diejenigen Menschen beauftragen, die in Kambodscha nur selten reguläre Arbeit finden – Landminenopfer, Behinderte, HIV-Infizierte. Sie sollten waschen, schneidern und nähen in Festanstellung, in angenehmen Räumlichkeiten, sie sollten geregelte Arbeitszeiten und überdurchschnittliche Löhne haben. Das ist durchaus selten: Die Textilbranche im Land ist berüchtigt für ihre schlechten Arbeitsbedingungen.

Designertasche: jede Tasche ist handgenäht, jede ein Unikat, jede zu 100 Prozent aus recyceltem Material

Khmai war ursprünglich als Hilfsprojekt konzipiert – der Erlös aus dem Verkauf der weit gereisten Taschen sollte die Kosten für Lager, Vertrieb und Marketing der beiden Wahl-Hamburger decken und in Kambodscha faire Arbeitsplätze sichern. Einen Broterwerb habe die beiden Kems nämlich schon: Viry Kem arbeitet als Producerin einer Filmproduktion, Stefan Kem als Berater in einer Digital-Agentur. Doch die Taschen kommen an, die Preise liegen zwischen 40 und 70 Euro und sind erschwinglich.

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Das Konzept überzeugt also – es ist durchaus möglich, dass mehr daraus wird. Inzwischen gehören zum Sortiment auch einstige Reissäcke, aus denen Laptop-Taschen werden, Moskitonetze aus Plantagen, die einen neuen Auftritt als Hand- und Abendtaschen erleben, sowie Sporttaschen, Geldbörsen oder Federtaschen aus Fischfuttersäcken. Jede Tasche ist handgenäht, jede ein Unikat, jede zu 100 Prozent aus recyceltem Material – und jede ein winziger Beitrag zu einem würdigen Leben von etwa fünfzig Näherinnen und Nähern in Kambodscha. Einmal im Jahr fahren die Kems nach Kambodscha, besuchen Verwandte, sichten neue Ware, besprechen Kollektionen, organisieren den Transport nach Deutschland– und überzeugen sich von den Arbeitsbedingungen bei ihren jeweiligen Partnern.

Khmai ist übrigens die landestypische Aussprache für Khmer, die größte Ethnie in Kambodscha. Das Khmai-Logo steht für die Blüte des Frangipani, einer Pflanze, die wegen ihrer Pracht und ihres Duftes in Kambodscha oft die Gärten und Höfe von Tempeln und Pagoden ziert. Sie gilt in Asien als Symbol der Unsterblichkeit durch Wiedergeburt – was in diesem Fall auch für Zementsäcke gilt: Sie werden als Taschen wiedergeboren, als Geldbörsen oder Smartphone-Hüllen, mit einer neuen Funktion in einem neuen Land.

Fußnoten:

  1. ^ Kambodscha (www.stern.de)
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