Starnberger SZ – Die Neue ist da – München

Damals vor 40 Jahren: Die „Süddeutsche Zeitung“ eröffnet in Starnberg eine Landkreisredaktion – und die Kommunalpolitiker müssen sich nun zuerst einmal daran gewöhnen, dass es fortan in ihrer Kreisstadt drei Zeitungen gibt.

Von Manfred Hummel

Als Anfang Mai 1977 die Starnberger Neuesten Nachrichten erstmals erscheinen, bedeutet das ein besonderes Privileg für die ohnehin schon verwöhnten Bewohner des Landkreises Starnberg. Fortan können sie sich gleich in drei Tageszeitungen über die aktuellen Geschehnisse vor ihrer Haustür informieren: im Starnberger Merkur, dem Land- und Seeboten und nun in der lokalen SZ. Weltweit und lokal dabei, lautet der Werbeslogan. Er soll dem Trend von der Stadt aufs Land Rechnung tragen und die Abonnenten bei der Zeitung halten.

In seinem Grußwort singt der damalige Landrat Rudolf Widmann das hohe Lied auf die Bedeutung der Zeitungsvielfalt für die Demokratie. Doch die Kommunalpolitiker geben sich zunächst recht zugeknöpft, wenn einer von den Neuen leibhaftig im Rathaus auftaucht. „Woher kommen Sie, was wollen Sie hier?“, wird etwa Bernard Granier im Andechser Gemeinderat misstrauisch gefragt. „Von der Süddeutschen?“ Aber da sei doch schon der Kollege vom Merkur da und gelegentlich der vom Seeboten. Braucht’s da noch einen dritten? Ob er sich überhaupt ausweisen könne?

Die Pöckinger haben ein probates Mittel, um dem neuen Reporter zu zeigen, wo der Hammer hängt: Bei brisanten Themen wird am Ratstisch ganz einfach geflüstert. Feldafings Bürgermeister Klaus Buchheim liebt klare Worte. „Dass Sie mir ja was Gescheites schreiben!“, gibt er dem arglosen Reporter mit auf den Weg. In Starnberg ermahnt Stadträtin Wilma Gaßner den SZ-Redaktionsleiter Gert Sarring, er möge doch auf ein ordentliches Äußeres seines Berichterstatters Wolfgang Stegers hinwirken. Eine Jeans im Stadtrat sei unmöglich.

Es geht direkt und rustikal zu in den kommunalen Gremien jener Tage. Im Amt sind die knorrigen alten Bürgermeister aus den Zeiten vor der Gebietsreform. Frauen haben da Seltenheitswert. Allenfalls kommen sie in Gestalt g’standener Bedienungen vor, die zu den Sitzungen eine Halbe Bier und eine Brotzeit servieren. Doch um kontroverse Themen wird mindestens so leidenschaftlich gestritten wie heute.

Das Verhältnis zu den Kollegen von der schreibenden Zunft ist geprägt von sportlichem Wettbewerb und gegenseitiger Achtung. So löst ein Aufmacher, den die anderen nicht haben, diebische Freude aus. Als es in Pöcking im ersten Stock des Rathauses in geschlossener Sitzung um die Ortsumgehung geht, stehen drei Reporter ratlos im Hof. Was tun, um ein Wort zu erhaschen? An der Wand rankt sich wilder Wein nach oben. Drei Männer denken das Gleiche. Sie hangeln sich an den Ranken empor, denn jeder will seine exklusive Geschichte haben. „Das waren mindestens zwei zu viel“, erinnert sich Otto Walser, „der Wein hat nachgegeben, und wir sind auf dem Boden gelandet.“

Starnberg Redaktion SZ

Jenö Kovács, Wolfgang Stegers, Gert Sarring, Lina Taschner, Ingrid Zimmermann, Philipp Kreisselmeier und Manfred Hummel (von links) bildeten in Starnberg die erste Generation der Landkreis-SZ.

(Foto: Jenö Kovács)

Oder, ebenfalls im Hochsommer bei geöffneten Fenstern, Geheimsitzung über ein neues Hotel in Possenhofen. „Zufällig“ probt im zweiten Stock die Pöckinger Blaskapelle. Mit ihrem fröhlichem Tschingderassabumm macht sie jeden Mithör-Versuch zunichte.

Jung und neugierig, wollen wir es damals wissen. Auf der Heimfahrt nach Maising prescht ein Feuerwehrauto mit Blaulicht am klapprigen VW-Käfer des Reporters vorbei. „Ein Großbrand!“, denkt sich dieser, „hinterher!“ In Pöcking stoppt der Löschwagen kurz auf einem Parkplatz. „Was ist passiert?“, will der Mann von der Presse atemlos wissen. „Wieso? Nix is passiert. Das ist nur eine Übung.“

Nach anfänglicher Zurückhaltung gewöhnen sich die Kommunalpolitiker allmählich an die Neuen. Sie entdecken die Zeitung als Schaufenster für sich und ihr Programm. Besonders im Wahlkampf ist das Verhältnis innig. Da rücken die Pressesprecher mit dem Lineal an, um nachzuweisen, dass das Porträt vom Gegenkandidaten in der Zeitung zwei- statt einspaltig und um mindestens zwei Zentimeter höher war als das Konterfei ihres Chefs. Gar nicht zu reden vom dazugehörigen Bericht. Der war sogar dreispaltig und um zehn Zeilen länger.

Dafür wird es nach der Wahl wieder ruhiger, da darf die Redaktion zusehen, wie sie ihre Seiten füllt. In München wählen die Kollegen aus der Nachrichtenfülle der Agenturen aus. Das funktioniert im Lokalen nach wie vor nicht. Durch Recherche muss die Redaktion ihre eigenen Nachrichten schöpfen, den Posteingang auf Verwertbares prüfen, sich den Kopf über Themen zerbrechen. Täglich, das ganze Jahr.

Abgesehen von wenigen Fachleuten etwa für die Kultur, und der festen Zuordnung von Korrespondenten zu Gemeinden, macht in der SZ-Lokalredaktion jeder alles. Politische Berichte, Kommentare, Glossen, Reportagen, Straßeninterviews, Leserbriefe, Sport, Unfälle, „Sex and Crime“.

Und weil die damalige Redaktion in der Maximilianstraße 21 mitten in Starnberg residiert, wird sie von den Lesern gut frequentiert. Die allerwenigsten schauen jedoch persönlich herein, um einen Artikel als besonders gelungen zu loben. Meist ist es die Geschäftsstellenassistentin vorne am Tresen, die der geballte Unmut trifft. Als da sind Rechtschreibfehler, die nicht gelieferte Zeitung oder der Verriss einer Kunstausstellung oder eines Theaterstücks. Zu den Beschwerdeführern gesellen sich diejenigen, deren Leben mühselig und beladen ist. Die Redaktion soll für Gerechtigkeit und Abhilfe sorgen. Meist hilft in solchen Fällen schon ein ruhiges Gespräch – wenn da nicht der Redaktionsschluss wäre. Mit der Zeit hat jedes Redaktionsmitglied seine eigene Klientel, die es mehr oder weniger hingebungsvoll betreut.

2017 auf weiß

Die Redaktion heute: Blanche Mamer, Gerhard Summer, Christine Setzwein, Peter Haacke, Astrid Becker, Sabine Bader, Wolfgang Prochaska, Armin Greune, Manuela Warkocz, Christian Deussing und Michael Berzl. Nicht im Bild: Otto Fritscher.

(Foto: Georgine Treybal)

Im Vergleich zu heute ist das Arbeitsgerät noch archaisch: Kugelschreiber, Block und Schreibmaschine. Fotos werden, wenn überhaupt, mit einer Sofortbildkamera geschossen. Bei kühleren Temperaturen muss man die Aufnahme zum Entwickeln unter die warme Jacke stecken. In der Hektik drückt man die braune Entwicklerflüssigkeit heraus und versaut sich die Kleidung. Bei zeitlichem Vorlauf wird der Fotograf zu einem Termin beordert. Dann vergeht eine gefühlte Ewigkeit, bis er mit den Abzügen aus seinem Labor kommt.

Zigarettenrauch schwängert die Luft der Redaktionsstuben. Das Geklappere der Schreibmaschinen, das Klingeln der Telefone und Stimmengewirr liefern die Hintergrundmusik. Sind vier Blatt getippt, fällt einem meist noch ein Aspekt ein, der sich ganz gut am Anfang machen würde. Das ist die Stunde von Schere und Klebstoff. Auf diese Weise entstehen komplizierte Papierkunstwerke mit Querverweisen wie auf einem Schnittmuster. Tippfehlern rückt man mit Tipp Ex zu Leibe. Der Verbrauch ist hoch.

Jeden Tag um halb fünf nachmittags kommt der Bote, um Bilder und Manuskripte in die Zentrale nach München zu bringen. Erst später überträgt ein waschmaschinengroßes Faxgerät die Produktion eines Tages – aber nur immer ein Blatt. Unter ohrenbetäubendem Lärm gießen die Setzer in München die Landkreis-News in Blei, liefert die Chemigrafie die bläulich geätzten Bildplatten, puzzeln Metteure den Satz zu fertigen Zeitungsseiten zusammen. Dröhnend laufen die Druckmaschinen an und lassen das Technikgebäude in der Sendlinger Straße in seinen Urfesten erzittern.

In den vergangenen 40 Jahren wurde die Herstellung der Zeitung revolutioniert. Fast nichts ist so geblieben, wie es war. Vieles hat sich in virtuelle Sphären verflüchtigt. Der Land- und Seebote ist 1990 unter die Räder der beiden konkurrierenden Tageszeitungen geraten. Doch eine Erkenntnis gilt unverändert: Es ist ein großes Privileg, vor der Haustür eine eigene Redaktion aus Fleisch und Blut zu haben.

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