Cosplayerin Noemie: «In fremde Rollen schlüpfen stärkt mein Selbstbewusstsein» – Film/TV – Kultur

Sie ist mit zwei Pistolen und zwei Schwertern bewaffnet, ihre Stoffkleidung ist durch Ledergurte ergänzt. Die Augen sind schwarz geschminkt, der Blick grimmig, die Haare wild und auf dem Gesicht zeigen sich Narben eines Kampfes. Eine Kapuze verleiht der Piratin eine mysteriöse Note.

Noemie Keller ist eine Cosplayerin. Cosplay (engl. für Costume Play) nennt man den japanischen Verkleidungstrend, der sich auch in der Schweiz grosser Beliebtheit erfreut. Ein Beispiel liefert dieses Wochenende das Festival der Fantasy Basel. Dort verschwimmen Realität und Fantasie: Viele Leute, von jung bis alt, schlüpfen in die Rolle ihres Favoriten aus dem Videospiel-, Comic- oder Filmuniversum.[1] Darunter finden sich auch berühmte Figuren wie Spiderman oder Jack Sparrow aus Fluch der Karibik.

Die 19-jährige Noemie aus Wintersingen (Baselland) ist derzeit an der Schule für Gestaltung und besucht regelmässig die Fantasy Basel und andere Messen dieser Art. Erstmals darauf aufmerksam wurde sie mit 13 Jahren. Im Internet und auf Youtube fand sie verschiedenste Kostümproben eines bekannten Animes (japanischer Cartoon). Diese faszinierten sie, und darauf bestellte sie mit ihrer Freundin Mäntel, die in der Serie vorkamen, und sie filmten sich in der jeweiligen Rolle der Protagonisten. «In der Sekundarschule wurde ich wegen meines Hobbys ausgelacht. Mittlerweile nehme ich aber allgemein viel mehr Akzeptanz wahr.» Anfangs war es nur aus Jux, doch als sie die JapAniManga Night in Davos besuchte, wurde aus Spass schlagartig Leidenschaft: «Als ich es das erste Mal live erlebte, wusste ich: Da will ich dabei sein.»

Ein Pirat als grosses Projekt

Noemie war Feuer und Flamme und kaufte sich in den folgenden Jahren Kostüme aus verschiedensten Welten. «Anfangs traute ich mich noch nicht, diese selber zu nähen, das kam erst später», sagt sie. Eingefleischte Cosplayer ziehen bei Leuten mit gekauften Kostümen oft die Braue hoch. Eigene Kreativität und Handfertigkeit wird in der Szene hoch geschätzt.

Noemies erstes Kostüm: Edward Kenway, Pirat aus der Videospielserie Assassin’s Creed.

Noemies erstes Kostüm: Edward Kenway, Pirat aus der Videospielserie Assassin’s Creed.

Mit der Zeit lernte sie neue Leute kennen, mit denen sie sich über Cosplay austauschen konnte. Sie schätzt die Offenheit der Community. Irgendwann wollte sie ihre Cosplays ebenfalls selber nähen. Dazu bat sie um Hilfe bei ihrer Mutter. Diese unterstützte sie bei ihrem ersten Kostüm, das auf Edna, einem Videospielcharakter im weissen Kittel, basierte. Dieses ebnete den Weg für ihr erstes grosses Projekt: Edward Kenway, ein sauflustiger Pirat aus der Videospielserie Assassin’s Creed.

Fremde Leute kamen auf sie zu

Nach zwei intensiven Monaten war das Kostüm fertiggestellt. Bis sie komplett angezogen und geschminkt ist, dauert es mehr als eine Stunde. Das Ergebnis stellte sie schliesslich an der letztjährigen Fantasy Basel stolz zur Schau. «Es war ein unglaubliches Gefühl. Die Leute kamen zu mir und wollten Fotos schiessen, ich fühlte mich wie ein Star.» Auf kritische Leute trifft sie aber immer noch. Auf der Strasse hätten Jugendliche im Auto beim Vorbeigehen dumme Sprüche geklopft. Doch davon lässt sie sich nicht mehr beirren.

Den Umgang an der Fantasy Basel schätzt sie. «Man lernt immer wieder neue Leute kennen und tauscht sich aus. Cosplayer haben keine Berührungsängste, man geht einfach aufeinander zu und spricht sich an.» Auch dieses Wochenende wird Noemie an der Fantasy Basel dabei sein. Sie wird wieder mit dem gleichen Cosplay auftauchen, hat jedoch einige Dinge modifiziert. «Die Perücke ist jetzt anders und die Kleider wirken dreckiger – wie ein richtiger Pirat eben.» Auch in Zukunft wird Noemie viele Conventions besuchen.

Als Nächstes steht die Spielemesse Gamescon in Köln an. Cosplay-mässig will sie sich bald an Rüstungen wagen, aber erst, wenn sie wieder mehr Zeit hat. Die Hobbyzeichnerin und Gamerin plant, an der Zürcher Hochschule der Künste Game Design zu studieren. Doch ihre Cosplay-Leidenschaft bleibt weiterhin bestehen. «Seit ich Cosplay mache, traue ich mich mehr im Leben und bin viel selbstbewusster geworden.»

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