Offenburg: Auslagerung nach Bangladesh kostet Jobs bei Burda

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25. März 2017

Eine Mehrheit gekündigter Mitarbeiter aus der Schnittmusterproduktion lässt sich abfinden – einer klagt auf Wiedereinstellung.

OFFENBURG. Weil ihre Arbeit jetzt in Bangladesh erledigt wird, haben Offenburger Mitarbeiter aus der Schnittmuster-Produktion von Burda Style (ehemals Burda Moden) die Kündigung erhalten. Bereits im vergangenen Herbst war bekannt geworden, dass Burda plant, rund 20 Stellen abzubauen (BZ vom 13. Oktober). Schon damals hatte der Konzernbetriebsrat vor einer „Tendenz zur Auslagerung“ gewarnt. Wie viele Jobs am Ende nun tatsächlich betroffen waren, das war auf BZ-Anfrage beim Münchner Medienkonzern nicht zu erfahren. Eine Sprecherin gab lediglich bekannt: „Kernkompetenzen von Burda Style befinden sich nach wie vor in Offenburg – unter anderem die Schnittproduktion für die passgenauen Schnitte durch Burda-Schnittdirektricen, die Koordination der Nähateliers für Modell-Prototypen, sowie die Anleitungsredaktion mit näh-technischen Zeichnern und Textern.“ Zahlen zu Beschäftigten nannte sie nicht, auch genauere Nachfragen zu den Tätigkeiten in Bangladesh ließ der Medienkonzern unbeantwortet.

Während die Mehrheit der gekündigten Kollegen gegen Klageverzicht ein durchaus großzügiges Abfindungsangebot annahm, kämpft ein 58 Jahre alter Mediengestalter nun vor dem Arbeitsgericht Offenburg um Weiterbeschäftigung.

Der gelernte Reprofotograf erinnert sich noch genau an den Tag, an dem er nach bald 38 Jahren bei Burda die Kündigung bekam: „Es war am 28. September 2016 um 16 Uhr.“ Zur Begründung führte Burda den Ausführungen des Mannes zufolge an, dass seine Arbeit als Produktionslayouter durch Outsourcing weggefallen und eine Alternativstelle nicht vorhanden sei. Immerhin 155 000 Euro an Abfindungsvolumen standen im Raum, doch der 58-Jährige will lieber weiterhin arbeiten gehen: „Ich muss noch acht Jahre arbeiten bis ich 66,5 Jahre alt bin – da nützt mir die Abfindung nichts.“ Er klagt auf Wiedereinstellung.

Am vergangenen Mittwoch kam es zu einer Verhandlung vor dem Arbeitsgericht, nachdem ein Gütetermin im Dezember gescheitert war. „Die Akte ist dick geworden – es gab viel zu schreiben für beide Seiten“, stellte Richterin Klumpp fest. Es gab auch Vergleichsgespräche zwischen Kläger-Anwalt Michael Schubert und Burda-Anwalt Johannes Berlinger – ohne Annäherung. Die gab es auch beim jüngsten Zusammentreffen in Offenburg nicht. Ein Streitpunkt war die Frage, ob es bei Burda nicht eine alternative Verwendung für den 58-Jährigen gibt. Sofort nach der Kündigung hatte er sich hausintern auf mehrere ausgeschriebene Stellen beworben, wurde aber hingehalten, vertröstet oder bekam Absagen, weil die Jobs anderweitig vergeben wurden. „Man hat an ihm vorbei die Stellen besetzt, obwohl er geeignet gewesen wäre“, sagte Kläger-Anwalt Michael Schubert, ein in Burda-Angelegenheiten seit Jahren erfahrener Arbeitsrechtler aus Freiburg.

„Es gibt keine passenden Stellen“, konterte Johannes Berlinger und verwies darauf, dass die einzelnen Burda-Profitcenter selbst über Stellenbesetzungen entscheiden: „Es sind unterschiedliche Unternehmen.“ Das sieht wiederum Schubert ganz anders. „Dass der Arbeitgeber nach 37 Jahren und verschiedenen Tätigkeiten im Unternehmen behauptet, mein Mandant sei unqualifiziert, das ist eine Frechheit.“ Innerhalb des Konzerns bestehe sehr wohl ein Weiterbeschäftigungsanspruch. Auch sei eine Sozialauswahl nicht abteilungs- sondern betriebsbezogen zu treffen: „Alles, was lief, lief über die Zentrale in München – es ist also ein Betrieb.“ Nach 37 Jahren und diversen Tätigkeiten wäre sein Mandant sicher einer der letzten, der gehen müsste.

In der Verhandlung wurden auch verschiedene finanzielle Vergleichsmodelle durchgespielt, ohne dass eine der Seiten nachgab.

„Die Verhandlungen sind gescheitert, weil die Beklagte nicht bereit ist, mehr als das Abfindungsvolumen hinzulegen“, sagte Schubert. Jetzt geht der Streit in die Verlängerung: Beide Seiten haben bis 24. April Zeit, über einen Vergleich weiterzuverhandeln. Richterin Klumpp machte zwar deutlich, dass ihre Kammer das Angebot von Burda für großzügig hält. Andererseits sehe man auch die Interessen des Klägers. Für die Richterin liegt ein Schwerpunkt des Prozesses in der Frage, ob nicht doch eine Weiterbeschäftigungspflicht von Burda innerhalb des Konzerns besteht: „Das ist der Hauptknackpunkt.“

Autor: Helmut Seller

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